Wenn sich die 0 nähert

Im Grunde ist es kein großer Unterschied, ob beim Lebensalter eine Neun hinten steht oder eine Null. Und doch sind “die runden” immer besondere Geburtstage. Man betritt irgendwie Zutritt zu einer neuen Generation, schlägt ein neues Kapitel von sich und für sich auf. Blickt zurück und blickt voraus.

Es ist zwar erst vorbei, wenn’s vorbei ist und keiner kennt die Stunde – aber die 40 ist vermutlich für die meisten so etwas wie Halbzeit. Und während das für die einen Panik verursacht, sind meine Gedanken zur Halbzeit durchaus positiv, lassen mich durchaus positiv auf die nächsten Jahrzehnte schauen. Ganz viele anstrengende, schwierige Dinge sind bereits erledigt und mit unserer Lebenserfahrung aus 40 Jahren sollte man die kommenden doch gut meistern können.

Wir haben lesen und schreiben gelernt, das Abiturzeugnis in der Tasche und nach gefühlt endlosen Zeiten der Prüfungen einen Studienabschluss überreicht bekommen, uns für einen Beruf entschieden und der Lebenslauf weist jetzt ein paar herzeigbare Stationen auf. Wir haben haben Liebeskummer überlebt, beim Kellnern einen Stapel Teller fallen lassen, verzweifelt auf der Autobahn auf den ADAC gewartet, Beerdigungen organisiert, verbrannten Kuchen in den Mülleimer geworfen. Haben 63 mal Dirty Dancing gesehen, 30 mal Tatsächlich Liebe und 40 mal die Weihnachtsfolge von Familie Heinz Becker. Wir können einen Serienbrief an 3000 Adressen erstellen, einen Kachelofen anzünden, Fahrkarten am Automaten kaufen, ein Prusikknoten knüpfen. Es gab ein Klassentreffen zum 20-jährigen und das Sabbatical ist auch schon 10 Jahre her. Sind zig mal umgezogen und haben trotzdem noch eine Gammeljogginghose im Schrank, die man einfach nicht entsorgen *kann*. Wir wollten nie wieder weg aus der Großstadt und wohnen plötzlich doch wieder im Dorf und pflanzen Tomaten an. Bestimmte Lieder versetzen uns sofort wieder an einen bestimmten Ort, zu bestimmten Menschen, stehen für ein bestimmtes Ereignis.

Wir wissen, auf Regen folgt Sonne und auf den Winter der Sommer. Freundschaften gehen und kommen, manche Dinge passieren einfach, denn ist jeder auch seines Glückes Schmied. Glück kommt nicht immer zum Fenster rein geflogen, man muss tatsächlich auch das Fenster aufmachen, ins tiefe Wasser hüpfen, dem Schweinehund einen Tritt geben.

Small Talk können wir inzwischen, denn wir haben einen kleinen Vorrat an Anekdoten und Geschichten, die immer gehen, die man allen neuen Leuten erzählen kann. Um das Eis zu brechen und peinliche Stille zu unterbrechen. Und alternativ lassen wir es bei der Stille und akzeptieren,dass wir manchen Leuten halt nix zu sagen haben.

Wir wissen, dass man nicht alles können muss. Alle, die stricken, freuen sich, wenn man ihnen Socken abkauft. Die Angestellten vom Möbelhaus werden dafür bezahlt, einem das neue Sofa nach Hause zu liefern. Und aufzubauen. Und wenn wir keine Lust zum Kochen haben, gehen wir essen.

Wir müssen nicht mehr cool sein und alkoholische Getränke wild durcheinander trinken, wir genießen lieber einen katerfreien Sonntag. Und zahlen brav die Berufsunfähigkeitsversicherung.

Immer Internet scheinen sich so viele junge Leute zu tummeln, denen das alles noch bevorsteht. Die, andere Generationen, ganz andere Sachen durchmachen, von denen wir uns einiges abschauen können, denen wir mit Lebenserfahrung, Gelassenheit und Wissen aber auch Schritte voraus sind.

Natürlich sind alle 40jährigen wieder anders, manche haben 3 Kinder, Haus, Katze und Hamster, andere sind noch nie umgezogen, andere arbeiten 70 Stunden in der Woche.

Mit diesem Gepäck sind wir gut gerüstet für die nächsten 40 oder wie viel auch immer. Gelassen kann man… denn wer weiß schon was kommt? Was wirklich hinter der nächsten Ecke lauert? Ob Lottogewinn oder Weltuntergang.

Wenn man das „40 werden“ übrigens googelt, kommen Geschenketipps für 40-jährige (alle ziemlich furchtbar), 40 Dinge, die man vor dem 40. getan haben sollte (hätte ich auch machen können, ist jetzt aber wohl zu spät…), jede Menge Blogs für Leute Ü40, und ein paar Leute, die darüber bloggen 40 zu werden. Die von Gelassenheit reden und irgendwie auch alle ganz zufrieden scheinen. Gut.

Screenshot www.google.de am 18.2.18

Dieser Artikel ist nicht aus Midlife Crisis entstanden oder aus Oh ich werde alt – Gefühlen. Sondern mehr aus Überlegungen zu diesem Blog, dem neuen alten, den eben vermutlich keine 20-jährigen lesen werden, keine Vollzeitmütter, keine Deppen, keine Püppchen. Es hilft zu wissen, für wen man schreibt.

Was allerdings schwer zu kapieren ist: die Menschen. Warum sie tun, was sie tun. Nicht tun, was sie tun sollten. In Plastik eingeschweißte geschälte Bananen kaufen. Neonazis hinterherrennen. Andere quälen. Die US Waffengesetze nicht ändern. Ob man so etwas je kapieren wird?

Wer jetzt um die 40 ist, geboren zwischen 1977 und 1983, gehört (angeblich) zur Generation der Xennials. Schön erklärt hier: Micro Generation.